Industrial AI als Standortchance: Wie NRW intelligente Industrie gestaltet
NMWP.NRW im Gespräch mit Mona Neubaur, Ministerin für Wirtschaft, Industrie, Klimaschutz und Energie des Landes Nordrhein-Westfalen, über die Bedeutung von Industrial AI und Robotik für Wettbewerbsfähigkeit, technologische Souveränität und gute Arbeit – und darüber, wie NRW Forschung, Mittelstand und industrielle Anwendung zusammenbringen will.
NMWP.NRW: Industrial AI verändert gerade Produktionsprozesse grundlegend und entwickelt sich international zu einem zentralen Wettbewerbsfeld. Inwiefern ist diese Entwicklung gerade für den Wirtschafts- und Industriestandort Nordrhein-Westfalen von Bedeutung?
Mona Neubaur: Industrial AI ist weit mehr als ein Technologietrend – sie ist kein Zukunftsthema mehr. Sie läuft heute schon in unseren Werkshallen. KI hilft Unternehmen, effizienter zu produzieren, Anlagen vorausschauend zu warten und schneller auf Veränderungen zu reagieren. Das stärkt Produktivität und Resilienz.
Für uns als Industrieland Nordrhein-Westfalen ist das besonders wichtig. Wir wollen unsere industrielle Stärke erhalten und deshalb KI und Produktion zusammenbringen. Unser Anspruch: Wir wollen Industrial AI nicht nur anwenden. Es geht nicht nur darum, wie wir produzieren. Es geht auch darum, was wir produzieren. Die intelligenten Maschinen und Roboter, die weltweit die Fabriken verändern, sollen auch in Nordrhein-Westfalen entwickelt und gebaut werden.
Welche Voraussetzungen bringt Nordrhein-Westfalen mit, um bei Industrial AI und Robotik national und europäisch eine prägende Rolle zu spielen – und wo liegen die besonderen Stärken des Standorts?
Nordrhein-Westfalen hat das, was es dafür braucht: starke Industrie, hervorragende Forschung und innovative Technologieunternehmen. Maschinenbau, Produktionstechnik, KI und Robotik sind bei uns eng miteinander verbunden. Am Lamarr-Institut und an der Universität Bonn wird zu KI-gestützter Robotik auf Spitzenniveau geforscht. Und in Jülich steht mit der JUPITER AI Factory eine der leistungsfähigsten KI-Recheninfrastrukturen Europas – ausdrücklich auch für Start-ups und Mittelständler.
Das Entscheidende ist aber: Bei uns sitzen Forschung, Technologieanbieter und industrielle Anwender nah beieinander. Zwischen Hörsaal und Werkshalle liegen oft nur wenige Kilometer. Das schafft einen echten Standortvorteil. Diese Stärke wollen wir noch besser nutzen – gerade auch für den Mittelstand.
Deshalb bauen wir Unterstützungsprogramme und digitale Infrastrukturen weiter aus. So profitieren auch kleinere Unternehmen von neuen Technologien und gestalten die Entwicklung selbst mit.
Wo sehen Sie im internationalen Wettbewerb die besondere Chance Deutschlands und Europas bei Industrial AI – und welchen Beitrag kann Nordrhein-Westfalen dazu leisten?
Im Consumer-Bereich dominieren US-Konzerne und chinesische Anbieter. Die Chance für Deutschland und Europa liegt jetzt vor allem in Industrial AI. Denn hier zählen nicht nur Datenmengen, sondern vor allem unser jahrzehntelanges Ingenieurswissen, Prozessverständnis und das Vertrauen in die hohe Qualität „Made in Europe“. Industrial AI heißt nicht nur, dass ein Algorithmus auf einem Bildschirm läuft. KI steuert Maschinen, Roboter und ganze Produktionslinien. Darin liegt auch ein Stück technologische Souveränität: Wir müssen KI in reale industrielle Prozesse bringen. Und wir müssen die Hoheit über unsere Daten behalten. Deshalb setzen wir auf offene Schnittstellen. Unser Mittelstand darf nicht von den Plattformen einzelner Tech-Konzerne abhängig werden. Nordrhein-Westfalen kann dabei für Europa vorangehen.
Wie wird aus technologischer Exzellenz industrielle Wertschöpfung – und wie schaffen wir den Sprung vom erfolgreichen Pilotprojekt in die breite Anwendung?
Das ist eine der entscheidenden Fragen. Wir sehen oft: Ein Pilotprojekt funktioniert – aber danach geht es nicht weiter. Diese Lücke müssen wir schließen. Mit Angeboten wie der KI-Offensive „Digitale Zukunft KI“ im Rheinischen Revier und dem AI Village können Unternehmen KI-Anwendungen einfach und risikoarm ausprobieren, bevor sie größere Investitionen wagen.
Gleichzeitig braucht es gute Daten, digitale Infrastruktur, Datenschutz und Cybersicherheit. Vor allem müssen Forschung und Unternehmen von Anfang an zusammenarbeiten. Dann kann aus einem guten Pilotprojekt eine Lösung werden, die sich auch an anderen Standorten einsetzen lässt.
Wo erwarten Sie durch Industrial AI und Robotik den größten wirtschaftlichen und ökologischen Nutzen für die Industrie in Nordrhein-Westfalen?
Der größte Nutzen entsteht, wenn KI wirtschaftliches und zugleich ressourcenschonendes Produzieren ermöglicht. KI kann helfen, Energie und Rohstoffe effizienter einzusetzen, Ausschuss zu vermeiden und Produktionsprozesse besser zu planen. Probleme lassen sich früher erkennen, Stillstände vermeiden und Maschinen länger nutzen. Robotik macht die Produktion flexibler. Gerade bei kleinen Stückzahlen oder wechselnden Produktvarianten ist das ein großer Vorteil. So können wir Wertschöpfung in Nordrhein-Westfalen halten oder zurückgewinnen. Ein gutes Beispiel ist das Projekt Cyber Production Management Lab (CPML), ein vom Land Nordrhein-Westfalen gefördertes KI-Forschungsprojekt, das den ganzheitlichen Einsatz von Künstlicher Intelligenz in der industriellen Produktion erforscht und erprobt. Ziel ist es, vor allem kleine und mittlere Unternehmen bei der digitalen Transformation sowie bei der Gestaltung ressourcen- und klimaschonender Prozesse zu unterstützen. Beteiligt sind Unternehmen wie Achenbach Buschhütten, Heuel & Löher und Innofarming sowie die RWTH Aachen und die Universität Siegen.
Wie grundlegend werden Industrial AI und Robotik unsere Arbeitswelt verändern – erleben wir hier eine neue industrielle Revolution, die Politik, Wirtschaft und Beschäftigte gemeinsam gestalten müssen?
Sehr stark. Der Begriff Revolution ist nicht übertrieben. Entscheidend ist: Dieser Wandel darf nicht einfach über uns kommen. Wir gestalten ihn aktiv – gemeinsam mit Wirtschaft und Beschäftigten.
Die Technologien bieten große Chancen. Roboter können schwere, repetitive oder gefährliche Aufgaben übernehmen. Es geht nicht darum, Menschen zu ersetzen. Wer heute schwere Teile hebt, kann morgen die Anlage steuern, die das übernimmt. KI kann Beschäftigte bei komplexen Entscheidungen unterstützen und dabei helfen, Prozesse transparenter und sicherer zu machen. Die Verantwortung bleibt beim Menschen. Dadurch können gerade Arbeitsplätze in schwierigen Produktionsumgebungen attraktiver werden. Gleichzeitig verändern sich Tätigkeitsprofile und es entstehen neue Anforderungen und Berufsbilder.
Deshalb gehören Digitalisierung und Qualifizierung zusammen. Beschäftigte müssen frühzeitig einbezogen werden und die Chance bekommen, neue Kompetenzen aufzubauen. Unser Ziel ist eine Arbeitswelt, in der Technologie Menschen unterstützt und gute Arbeit ermöglicht.
Welchen Beitrag können Cluster wie NMWP.NRW, KI.NRW und ProduktionNRW leisten, damit Industrial AI und Robotik schneller in die industrielle Praxis gelangen?
Sie bringen die richtigen Leute zusammen: Unternehmen, Forschung und Technologieanbieter. Viele Unternehmen kennen die Probleme in ihrem Betrieb sehr genau. Oft fehlt aber der Zugang zu den passenden Technologien, Forschungseinrichtungen oder Partnern.
Wichtig ist mir dabei: Es soll nicht bei ausgetauschten Kontakten bleiben. Aus einer konkreten Herausforderung soll möglichst schnell eine Lösung werden, die sich in der Praxis erproben und anschließend auch im größeren Maßstab einsetzen lässt. Davon profitieren gerade kleine und mittelständische Unternehmen. Am meisten überzeugt dabei oft der Besuch beim Nachbarbetrieb: Ein Mittelständler zeigt dem anderen, wie KI in seiner Werkshalle läuft. Netzwerke wie die AI Frontrunner Community NRW machen solche Erfahrungen sichtbar.
Wenn Sie zehn Jahre vorausblicken: Was wünschen Sie sich für die Industrie Nordrhein-Westfalens – und woran würden Sie erkennen, dass wir die Chancen von Industrial AI und Robotik erfolgreich genutzt haben?
In zehn Jahren soll Nordrhein-Westfalen zu den führenden Regionen Europas für industrielle KI und Robotik gehören. Erfolgreich sind wir dann, wenn Industrial AI nicht mehr nur in einzelnen Pilotprojekten eingesetzt wird, sondern selbstverständlicher Bestandteil industrieller Wertschöpfung ist – im großen Konzern ebenso wie im Mittelstand.
Und ich wünsche mir, dass aus Nordrhein-Westfalen Technologien und Geschäftsmodelle kommen, die international gefragt sind. Das stärkt unsere Wettbewerbsfähigkeit, macht unsere Industrie resilienter und sichert Wertschöpfung und gute Arbeitsplätze.
Frau Ministerin Neubaur, danke für das Gespräch.
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